Die langen Ferien in Ecuador haben begonnen und wir haben Ende Juni mit der vierten Sommerschule in Sacha Yachana Wasi Puerto Barantilla gestartet.
Meine eigenen Lernenden in der Schweiz sind am Freitag zuvor in die Ferien entlassen worden, und so bin ich direkt am Samstag in den Flieger gestiegen und nach schneller Migration und einer verloren gegangenen Tasche in strömendem Regen mit Bergrutsch sofort nach Tena weitergefahren, wo Michi mich am Sonntag abgeholt hat. Zum Glück hatte Joëlle schon vorgängig meine Einkaufsliste abgearbeitet, so dass ich nur noch die letzten fehlenden Kleinigkeiten organisieren musste.
Und dann war ich auch schon wieder im Schulhäuschen, das aus dem Dornröschenschlaf geweckt werden musste. Material sichten, Regale auswischen, Drucker kontrollieren, die iPads laden und überprüfen… Letztere leiden schon sehr im Dschungel und kommen so langsam in die Jahre. Eines hat sich leider komplett verabschiedet, vier weitere müssen dauerhaft geladen werden. Aber immerhin haben wir insgesamt noch 10 mehr oder weniger funktionierende iPads, was allerdings spätestens dann leicht problematisch wird, wenn wir 13 Kinder im Schulhäuschen haben, doch dazu später.
Nach den Erfahrungen der letzten Jahre, habe ich an mehreren Tagen die Gruppen bewusst geöffnet, um etwas mehr Campcharakter in das Ganze zu bringen. Dazu gehörte auch, dem Essen (noch) mehr Priorität zu geben und im Unterricht verstärkt auf Englisch und Mathematik sowie diverse niederschwellige Projekte und Bastelarbeiten zu setzen. Da die Mehrheit mittlerweile doch halbwegs alphabetisiert ist, haben wir Spanisch nur gemacht, wenn wirklich die Zeit blieb. Das ist sowohl für die Kids als auch für mich entspannter und hetzt uns etwas weniger durch den Tag.
Im Juni hatte ich mit der Information gestartet, wobei schon im März klar war, dass ich kommen würde. Auch die Lehrpersonen der kleinen Dschungelschule unten am Fluss haben die Infos weitergegeben und sich bei mir gemeldet – und alles andere lief dann im wahrsten Sinne des Wortes über den Buschfunk. Es erschliesst sich mir immer noch nicht, woher Jairo, unser Schulbootfahrer seit der ersten Sommerschule, eigentlich genau weiss, wo er nun Kinder abholen soll….
Insgesamt 30 Kinder sind während der Sommerschule dabei gewesen, davon zehn «neue» Kinder, während die übrigen schon seit mehreren Jahren dabei sind. Einige wenige kamen nur ein einziges Mal, die meisten aber waren regelmässig an zwei Tagen pro Woche dabei und konnten so zum Abschluss stolz ihr «certificado» in Empfang nehmen. Durch die Öffnung der Gruppen waren an einigen Tagen bis zu 13 Kinder anwesend, da ist das Schulhäuschen schon an die Kapazitätsgrenze gelangt und die Kinder mussten sich Tische und Tabletts teilen, was nicht allen gleich gut gelang – Material teilen und Rücksicht aufeinander nehmen scheint grösstenteils unbekannt und so sichert jede und jeder zunächst einmal für sich selbst.
Tja, und dann ging alles seinen gewohnten Gang, mit den üblichen Schockmomenten für mich, wenn ich merke, dass Gruppenarbeiten so gar nicht funktionieren, selbst die grösseren Kinder Hunderter und Einer nicht richtig unterscheiden und zusammenzählen können, die Colegiolernenden kaum in der Lage sind ein Wort Englisch herauszubringen oder zu lesen – ich weiss wirklich nicht, was die dort eigentlich machen – und ich nach der Erklärung, dass wir gerade einen Mandelkuchen zum Dessert hatten gefragt werde, was denn Mandeln sind.
Die Entschädigung erfolgt durch die tollen Momente, wenn ich mit einem Mal sehe, dass sie sich in Dreiergruppen zusammen Vokabeln abfragen, dass die Oberstufenschülerin feststellt, dass 70 x 6 ja sogar im Kopf gerechnet werden kann, weil sie ja weiss, dass 7 x 6 = 42 sind und sie nur noch eine Null anhängen muss, wenn die «Neuen», die zu Beginn so verschüchtert sind, dass sie kein Wort sagen, plötzlich mitmachen, wenn wir Gewichte mit der Waage bestimmen und alle fasziniert von der Statik der Eierschalen sind, die so viel Gewicht tragen können, wenn zwar niemand weiss, wieviel Gramm eine libra hat, aber man mir sofort sagt, dass es ungefähr fünf mittelgrosse Kartoffeln sind (was stimmt), wenn wir das Uno Spielen entdecken und das Lieblingsspiel eines ist, bei dem es ums Worte finden und Buchstabieren geht, wenn jedes noch so simple physikalische Experiment mit Freude beobachtet und nachgemacht wird. Und natürlich, wenn ich sehe, mit welcher Hingabe sie mit der Lernapp Anton arbeiten. Was ich an dieser geförderten App der EU besonders mag, ist die Tatsache, dass ich jedem Kind eigene Übungen zuordnen kann und das leidige Abschreiben verhindere, mit dem sich viele durch die gesamte Schulzeit schlängeln.
Mein grosses Ziel für dieses Jahr war das Lesen der Uhr, das ich mit allen Grados an jedem einzelnen Tag geübt habe. Dort waren riesige Fortschritte zu verzeichnen und der Abschlusswettbewerb, bei dem zwei ausrangierte aber noch super funktionierende Sportuhren gewonnen werden konnten, sorgte für viel Ehrgeiz. Der Gewinner bei den Jungs war einer der Jüngeren mit ausgeprägt schneller Auffassungsgabe, für dessen Handgelenk die Uhr viel zu gross war, so dass das Band noch ein paar mehr Löcher haben muss, aber er war hin und weg und hatte nach 15 Minuten alle Funktionen erfasst, für die ich selbst immer das Handbuch konsultieren muss. Meine verstorbenen Eltern hätte sicherlich ebenso viel Freude wie ich daran, ihre Sportuhren nun im Dschungel zu sehen.
Das Wichtigste an den Tagen aber waren immer die Mahlzeiten. Zum einen der traditionelle Haferbrei auf Milchbasis mit Zimt, Vanille und viel Obst (und neuerdings auch noch etwas Sahne), der in der ersten Pause verspeist wird und dann natürlich das Mittagessen mit Nachtisch. Je älter die Kinder, desto eher sind sie übrigens bereit, auch mal etwas Unbekanntes zu probieren – so gab es für viele zum ersten Mal Kichererbsen und Spinat (wir hatten einen regelrechten Spinatfan, der den gesamten Resttopf aufgegessen hat) oder Blumenkohl. Bei den jüngeren Kindern hingegen gibt es sehr viel Ablehnung gegenüber Neuem, selbst die Nudeln mit Bolognesesosse stiessen dort nicht auf grosse Begeisterung, was vermutlich auch damit zu tun hat, dass die meisten noch nie Nudeln gegessen hatten und nur die kleinen Suppennudeln kennen. Reis hingegen funktioniert immer – auch wenn ich persönlich diesen weissen Reis ernährungstechnisch höchst fragwürdig finde. Aber es gelingt mir dann doch ein paar Vitamine in Form von Mais oder Erbsen mit hineinzumogeln. Da viele Kinder sich auch weigern, Karotten zu essen, gibt es die immer nur in geraspelter Form, so dass sie weder im Reis noch im Eintopf allzu sehr auffallen. Und bei Karottenmuffins sagt dann sowieso niemand mehr nein. Tischdecken (sogar mit Servietten), warten bis alle am Tisch sind, gemeinsam essen, warten bis alle aufgegessen haben und gemeinsam abräumen funktioniert immer besser. Viele versuchen sogar für sie völlig ungewohnt mit Messer und Gabel zu essen, weil ich das so mache. Das finde ich dann schon recht rührend. Normalerweise essen sie ja nur mit einem Löffel.
Und nach einem knappen Monat ist dann schon wieder alles vorbei und ich werde gefragt, warum ich nicht bleibe. Es wäre toll, noch weitere Freiwillige für den Monat August zu haben, um das Angebot verlängern zu können. ¡Hasta la próxima Sacha Yachana Wasi!